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Immer mal wieder stellt sich die Frage, wie man in der Großstadt auf Versuche, einen zu provozieren, reagieren soll. Bild: Timm

Von Frank Berno Timm

Region Klettgau | U-Bahn-Fahren in Hamburg, die Uhr zeigt nach zehn Uhr abends. Ich gehe durch das Abteil, will die Wartezeit bis zum Aussteigen an der Glaswand hinter der Fahrerin verbringen.

Ein junger Mann spricht mich an, ich verstehe ihn nicht gleich. Ob ich intelligent sei. Ich hätte, findet er, einen großen Kopf, „da passt viel Gehirn rein“. Was ich denn beruflich mache, will er wissen. Ich sei Journalist, antworte ich. „Journalisieren Sie mich mal“, will er mich herausfordern. Er ist der Typ Dreitagebart, schicke Klamotten, Migrationsintergrund.

Ich bleibe ruhig, nur ganz leise fange ich an, mich über diese Provokation zu ärgern. Natürlich habe ich einen großen Kopf, es gibt sogar einen medizinischen Befund dafür – aber was geht das diesen Mann an? Die nächste Station kommt, das Gespräch bricht ab, er steigt aus, verschwindet grußlos.

Ein Freund hat mir erzählt, in einem Stadtteil im Süden hätten ein paar Männer einen Autofahrer aus dem Wagen gezerrt und versucht, ihn zu erstechen. Die Polizei nimmt die Tatverdächtigen fest, weil die Tat keinem eindeutig zugeordnet werden kann, müssen sie wieder freigelassen werden, das Opfer überlebt; es soll sich um eine Verwechslung gehandelt haben.

Dann steige ich aus. Eine Frau, die allein unterwegs ist, rennt die Treppen hoch, oben ist sie schon nicht mehr zu sehen. Manchmal flüstern irgendwelche Bengel, wenn sie mich sehen: fast weiße, lange Haare, ein Zopf. Dass ich nicht nach Mainstream aussehe, weiß ich allein – Kerle im Schlabberlook mit Pudelmütze, Goldkettchen, Zigarettenschachtel und Smartphone gibt es doch genug.

Im gefühlten Vierteljahresrhythmus versuchen Unbekannte, mich herauszufordern: ich sehe aus wie ein Massenmörder, meinte ein Jüngling im Vorbeigehen im Winter zu seiner Partnerin, der das sichtlich peinlich war.

Eigentlich fühle ich mich sicher, wenn ich in Hamburg unterwegs bin. Überall hängen Kameras, die das Geschehen überwachen – ich hoffe darauf, nicht eines Tages auf sie angewiesen zu sein.

Frank Berno Timm arbeitete von 2000 bis 2010 für regionale und überregionale Medien in Waldkirch/Breisgau und lebt seitdem in Hamburg. Er arbeitet weiter als Journalist & Autor und ist als Fotograf unterwegs – auch http://www.hierzuland.info zählt zu seinen Kunden.

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