Anzeige für die Reichstagswahl vom 21. Januar 1912 im Schwarzwälder Boten und Anzeige zum Volkstrauertag aus dem Mitteilungsblatt der Gemeinde Jestetten vom 9. November 2013.
Anzeige für die Reichstagswahl vom 21. Januar 1912 im Schwarzwälder Boten und Anzeige zum Volkstrauertag aus dem Mitteilungsblatt der Gemeinde Jestetten vom 9. November 2013.

Denn im Tode sind alle gleich…

 

Wer von „unseren“ Toten spricht, hat die Botschaft des Volkstrauertags nicht verstanden

Ein Beitrag von Indrani Das

„Mein geliebter Papa, geliebte Geschwister, geliebte Großmutter, geliebte Familie. Bitte entschuldigt diesen Brief, den ich Euch gerade schreibe und von dem ich weiß, dass er Euch großen Kummer verursachen wird. Wenn Ihr diese Zeilen lest, werde ich nicht mehr unter den Lebenden sein…“

M. Bernardin, August 1915, Lingekopf/Elsass

 

Da lag er nun, seit einer gefühlten Ewigkeit auf dem Hügel, auf dem er seit seiner Kindheit Schneemänner baute, rodeln war und den er mit seinen Freunden auf Skiern herabstürzte. Ein Gejauchze war das damals. Eine Hölle war es nun. Nicht nur, dass er die Läuse in seinem Gewand bereits beim Namen nannte, die Angriffe hörten einfach nicht auf. Das Trommelfeuer. Das Gas. Im Gefechts-Nebel konnte er  – der zwanzigjährige Elsässer – nicht mehr ausmachen, wer nun Freund oder Feind war. Zu dicht lagen sie beieinander. Die französischen und die deutschen Soldaten. Sie waren alle um die 20 Jahre alt, wohnten überwiegend bei den Eltern, hatten kaum den ersten Kuss hinter sich. Jetzt waren sie Soldaten. Und Feinde. Feinde, die – wenn eine Granate einschlug, eine Miene hochging – gemeinsam in Stücke zerrissen wurden, verbrannten und zu einem einzigen Haufen verklumpten. Wenn sie Glück hatten, blieb von ihnen die Erkennungsmarke übrig. Das Stück Blech, das später ihren Angehörigen übergeben wurde, damit diese wussten, wo ihr Sohn, ihr Bruder, ihr Freund und Geliebter den Tod fand. Damit sie um ihn trauern und ihr Leben weiterleben konnten.

Das Lebewohl ist grenzüberschreitend

Doch circa 4 000 Soldaten und ihren Familien blieb selbst dieses letzte Lebewohl verwehrt. Wer von ihnen Deutscher oder Franzose war, ist nicht mehr wichtig. Sie liegen immer noch in den Wäldern rund um den Lingekopf – diesem Hügel im Elsass kurz vor den Vogesen. Von dem – wenn es nach den Theoretikern des französischen Oberkommandos gehen sollte – ein Angriffsmanöver von den Höhen aus gestartet hätte werden sollen. Sollen. Doch die Franzosen waren zu unschlüssig in ihrer Taktik, die Deutschen zu präventiv, als dass es eine schnelle Schlacht geworden wäre. Nach vier Monaten war das Metzeln vorbei. Das Resultat im Oktober 1915: Patt. Gewonnen hatten weder die Deutschen, noch die Franzosen. Aber 17 Jägerbataillons waren vernichtet – 17 000 Männer tot. Und für was?

Soldat ohne Herkunft auf dem Mahnmal

„Für eine Idee“, sagt Bernard Klein. Der Historiker leitet die Jugendbegegnungsstätte „Le Centre International de Recontre Albert Schweitzer“ in Niederbronn-les-Bains, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VdK) angesichts des dortigen deutschen Soldatenfriedhofs errichtet wurde. Vor seiner Haustüre spielten sich die Schlachten des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, des Ersten und Zweiten Weltkriegs ab. Doch das Mahnmal auf dem Friedhof dieser Jugendbegegnungsstätte zeigt einen Soldaten ohne erkennbare Herkunft.

Wen betrauern wir?

fragt Bernard Klein.

Die eigenen Angehörigen, sicher. So wie der ehemalige deutsche Finanzminister Theo Waigel seinen Bruder, der als Gefallener in Niederbronn bestattet ist und auf dessen Grab die unterschiedlichsten Euro-Münzen liegen. Hingelegt von Besuchern aus aller Welt. Und dann? In Niederbronn ruhen 15 403 Gefallene, die überwiegende Mehrheit Deutsche, aber auch 88 Ungarn, Elsässer, Inder und ein kleines Mädchen von neun Jahren. Die Tochter eines Kommandanten, die bei einem Angriff ihr Leben verlor, just als sie mit den Soldaten spielte.

Zwischen Verdun und dem Elsass liegen Franzosen, Deutsche, Briten, Amerikaner, Polen, Australier, Inder – um nur ein paar Nationen zu nennen. Ein Mahnmal für die Gefallenen überragt die Straße von Wöhr nach Wissembourg. Koraninschriften und Davidstern inklusive. Soldaten, die aus den Kolonien kamen und für einen europäischen Streit starben. „Wen also betrauern wir“, fragt der Historiker noch einmal.

„Unsere“ Helden – „unsere“ Toten?

Auf jeden Fall nicht „unsere“ Toten. Denn wer sind „unsere“ Toten?

Trauern Sie um die 2 200 SS-Soldaten, die Kriegsverbrecher, die hier liegen, genauso wie um das kleine Mädchen, die Kriegsgefangenen oder den einfachen Soldaten?

fragt Bernard Klein. Der Grund, warum der Soldat des Mahnmals keine Herkunft hat, sei, dass die Trauer allen gelte.

Und genau das ist Botschaft des Volkstrauertags. Als er zum ersten Mal 1919 vom bayerischen VdK-Landesverband eingeführt wurde, stand er ganz im Zeichen der Solidarität mit den Hinterbliebenen der Gefallenen. Als er 1922 offiziell im gesamten Deutschen Reich begangen wurde, stellte der damalige Reichstagspräsident Paul Löbe in einer vielbeachteten Rede einer feindseligen Umwelt den Gedanken an Versöhnung und Verständigung entgegen.
Erst die Nationalsozialisten machten aus diesem Versöhnungstag einen „Heldengedenktag“. Also „unsere Helden“ – „unsere Toten“.

Wollen wir diese Rhetorik wirklich? Wer also jetzt, 2013, von „unseren“ Toten spricht, verfällt bewusst oder unbewusst einer Dialektik, die die Nationalsozialisten eingeführt haben. Und der sich der Volksbund bereits 1950 ausdrücklich entsagt hat.

Sein Motto lautet nämlich: Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden.

Ob eine Trauerveranstaltung, die nur „unseren“ Toten gedenkt, diesbezüglich hilfreich ist, sei hingestellt.

 

Bild: Privat

Indrani Das, Jahrgang 1970, lebt in Lottstetten zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann, mit dem sie sich für die Gesellschaft zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit engagiert. Sie kommt ursprünglich aus München und studierte Germanistik, Geschichte sowie Psychologie.

Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Soziales, Kultur, Gender, Wirtschaft und Grenzen.

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