Das Podium: Ira Sattler (Bürgermeisterin), Angelika Gampp (Bestattungsunternehmen), Sibylle Kraus (evangelische Pfarrerin), Richard Dressel (katholischer Pfarrer), Andreas Wagner (Freier Redner), Elsa Jakobi (Hospizgruppe) und Karl-Heinz Dietermann (praktizierender Mediziner). Bild: Hüfner
Das Podium: Ira Sattler (Bürgermeisterin), Angelika Gampp (Bestattungsunternehmen), Sibylle Kraus (evangelische Pfarrerin), Richard Dressel (katholischer Pfarrer), Andreas Wagner (Freier Redner), Elsa Jakobi (Hospizgruppe) und Karl-Heinz Dietermann (praktizierender Mediziner). Bild: Hüfner

Jestetten (hüf) In der Schweiz werden inzwischen Verstorbene sogar schon auf Tierfriedhöfen bei ihren Lieblingen bestattet. Das zeigt, wie sich Bestattungsrituale im Lauf der Zeit verändern.

Die Hospizgruppe Jestetten und Umgebung nahm sich des Themas nun an und lud zu einer Podiumsveranstaltung ein. Die Beiträge dazu kamen von Karl-Heinz Dietermann (praktizierender Mediziner), der auch durch den Abend führte, Ira Sattler (Bürgermeisterin), Sibylle Kraus (evangelische Pfarrerin), Richard Dressel (katholischer Pfarrer), Angelika Gampp (Bestattungsunternehmen), Andreas Wagner (Freier Redner) und Elsa Jakobi (Hospizgruppe). Annähernd einhundert Gäste kamen zu dem Vortrag mit anschließender Fragemöglichkeit in die Realschule.

Einen Überblick der rechtlichen Aspekte und das Bestattungsgesetz gab Sattler. Auf den Friedhöfen der Gemeinde sind die Ruhezeiten für Gräber mit Erdbestattung auf 25 Jahre begrenzt. Für Aschen liegt sie bei 20 Jahren. Die Ruhezeit für Gräber von Kindern im Alter unter zehn Jahren beträgt 15 Jahre, für Kinder unter zwei Jahren sechs Jahre. Auf Antrag kann die Frist um zehn Jahre verlängert werden.

 

Urnenwände auf dem Friedhof in Altenburg. Bild: Hüfner
Urnenwände auf dem Friedhof in Altenburg. Bild: Hüfner

Die Anzahl der Bestattungen auf dem Friedhof Jestetten entwickelte sich so:

2011: 43 Bestattungen, davon 8 Erdbestattungen und 3 anonyme Beisetzungen. Der Rest waren Urnenbestattungen.

2012: 34 Bestattungen, 6 Erdbestattungen, die restlichen Beisetzungen erfolgten in einer Urne.

2013: Bis August 28 Bestattungen, davon 3 Erdbeisetzungen und der Rest Urnenbestattungen.

Die Anzahl der Bestattungen auf dem Friedhof Altenburg:

2011: 13 Bestattungen, davon 1 als Erdbestattung, der Rest sind Urnenbeisetzungen.

2012: 10 Bestattungen, davon 2 Erdbestattungen, der Rest waren Urnenbeisetzungen.

2013: Bis August 12 Urnenbestattungen.

Laut Sattler bewegt sich die Anzahl der Erdebestattungen Trend zum pflegeleichten Grab sorgt für zahlreiche neue Formen für Beisetzungen. Wie die Bürgermeisterin ausführte, würden deshalb Urnengräberfelder mit einer reinen Rasenfläche ausgewiesen.

Hinzu kommen anonyme Beisetzungen in einem Gemeinschaftsgrab, wobei dies im Schnitt drei Mal jährlich geschehe. Mittellose Bürger, für deren Begräbnis die Gemeinde aufkomme würden zwar kremiert, jedoch in einer anonymen Urnenwand bestattet. informierte die Bürgermeisterin.

Abschied nehmen beim Bemalen des Sargs

Auf die Formalien bei einem Sterbefall wies Gampp hin. So dürften Verstorbene bis zu drei Tagen zuhause aufgebahrt werden. Sie empfahl den Angehörigen, Fragen an den Bestatter zu stellen, denn es gibt zahlreiche Möglichkeiten, bei den Vorbereitungen für die Beerdigung mitzuwirken. So zeigte sie Bilder von Särgen, die von Verwandten bemalt wurden. Ebenso könne das Ankleiden und Einsargen begleitet werden. Ebenso ist es möglich, Gegenstände beizulegen. Bilder, Briefe, Fotos, Kerzen, Federn, Wurzeln und sogar schon ein Paar Schübling begleiteten den Toten mit in seine letzte Ruhestätte. Sie rief dazu auf, Mut bei der Gestaltung der Trauerfeier zu beweisen. Selbst musizieren oder Singen, ein Kondolenzbuch auslegen, eine Diaschau, all das habe es bereits gegeben. Zudem wies sie auf die Möglichkeit hin, über eine Bestattung in der Schweiz die Urne mit der Asche zu erhalten. Die könne dann in einem Gebirgsbach, auf einer Alpwiese oder im Wind verstreut werden. Allerdings sind diese Varianten nicht unproblematisch. Gampp berichtete den erstaunten Zuhörern, dass sie in diesem Jahr am Badeplatz in Rheinau den Deckel einer Urne fand.

 

Durch die zurückgehende Anzahl der Erdbestattungen ist die Freifläche auf dem Altenburger Friedhof recht groß. Bild: Hüfner
Durch die zurückgehende Anzahl der Erdbestattungen ist die Freifläche auf dem Altenburger Friedhof recht groß. Bild: Hüfner

Konfessionslose und religiöse Formen der Trauerfeier

Pfarrerin Krause, die für alle christlichen Konfessionen sprach, wies darauf hin, dass einen Bestattung das Zeichen einer höheren kulturellen Form sei. Dabei komme der Kirchengemeinde eine wichtige Funktion bei der Trauerfeier zu. Mit Bibelzitaten untermauerte sie die christliche Hoffnung auf Auferstehung.

Der Ritualgestalter Wagner ist überwiegend in der Schweiz tätig. „Die Zeit der Selbstverständlichkeit ist vorbei“, erklärte er und bezog sich auf die abnehmende Zahl christlicher Symbole auf den Grabstätten. Als Beispiele nannte er Darstellungen auf den Urnenplatten auf dem Jestetter Friedhof. Zusehen sind dort Motive wie Reisebus, Hund oder Notenschlüssel. „Da kommt sehr viel Individualität ins Spiel“, so Wagner. Bei seinen „konfessionslosen Trauerfeiern“ verzichte er auf Floskeln und Phrasen. Aus seiner Sicht ist die Jestetter Einsegnungshalle durch die lose Bestuhlung besonders für Feiern geeignet. Hier könne, wie bereits praktiziert, die Urne mitten im Raum aufgestellt und um sie herum die Teilnehmer platziert werden. Er appellierte, bereits zu Lebzeiten über solch eine Feier zu reden oder die eigenen Wünsche aufzuschreiben.

Dressel nahm später Bezug auf Wagners Beitrag und bestand darauf, dass die Rituale bei einem kirchlichen Begräbnis keine Phrasen seien, sondern aus den Erfahrungen der Menschen heraus entwickelt wurden. Ebenso könnte eine kirchliche Feier individuell ausgerichtet werden.

An die trauernden Hinterbliebenen denken

Über die jüdische Begräbniskultur informierte Jakobi. Zu unterscheiden sei hier zwischen liberalen, konservativen und orthodoxen Gemeinden. Bei den Konservativen, über die sie berichtete, sei die Gleichbehandlung üblich. Egla welchen Status der Verstorbene im Leben inne hatte, nach seinem Tod wird er in einer einfachen Kiste aus ungehobeltem Holz bestattet. Darüber stehe einzig ein Grabstein ohne jeglichen Blumenschmuck. Feuerbestattungen gebe es keine.

Auf die Friedwälder bei Engen und Überlingen wies Dietermann hin und erläuterte kurz die dortige Bestattungsmöglichkeit.

Thomas Güntert wollte Näheres über Flussbestattungen bei Ellikon und Küssaberg wissen. Dort sollen Bestattungen im Rhein vorgenommen worden sein. Die Anwesenden konnten ihm dazu jedoch keine Auskunft geben, da ihnen das nicht bekannt war.

Sibylle Kraus (evangelische Pfarrerin) bei ihrem vortrag. Bild: Hüfner
Sibylle Kraus (evangelische Pfarrerin) bei ihrem vortrag. Bild: Hüfner

Auf Nachfrage räumte Sattler ein, dass eine Bestattung nach jüdischem Glauben auf den beiden Gemeindefriedhöfen möglich sei, das Ruherecht aber maximal 35 Jahre betrage. Nach jüdischem Glauben dürfen Gräber jedoch nicht abgeräumt werden und bleiben auf ewig bestehen.

Weitere Themen waren die Kremierung in der Schweiz und die Bestattung von Mittellosen. Edwin Kintzi, der die Veranstaltung organisiert hatte, wies auf die Wichtigkeit hin, die eine Grabstätte für die Angehörigen besitze. Dieser Gesichtspunkt werde nicht selten unterschätzt.

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