Eine der frühesten Arbeiten von Gerhart Rieber. Bild: Hüfner
Eine der frühesten Arbeiten von Gerhart Rieber. Bild: Hüfner

Jestetten (hüf) Seit mehr als vier Jahrzehnten ist der Familienname Rieber in Jestetten ein Begriff. In vielen Häusern gibt es Gebrauchsgegenstände, Skulpturen oder auch Bilderrahmen, die aus der bekannten Bildhauerwerkstatt stammen.

Eine ganze Schülergeneration kennt den Namen aus dem Werkunterricht an der Haupt- und Realschule Jestetten. In den Annalen der Markusgemeinde des Ortes findet er sich ebenfalls.

Wenig ist jedoch bekannt von der Person Gerhart Rieber, der mit seinem künstlerischen Schaffen und seinem gesellschaftlichen Engagement mit zum kulturellen Leben von Jestetten beitrug.

Am 28. September 1930 kam er in Mönsheim im Kreis Leonberg als Kind einer vielköpfigen Pfarrersfamilie zur Welt. Wie seine Witwe, Annemarie Rieber, aus Erzählungen weiß, schnitzte er schon als Kind gerne. Das veranlasste seine Mutter, ihm das entsprechende Werkzeug im nahe gelegenen Göppingen zu kaufen. In jener Zeit während des 2. Weltkriegs ein Zeichen dafür, wie sehr sie die sich Bahn brechende Begabung ihres Sohnes fördern wollte. In Hattenhofen bei Holzmaden, wo der Vater inzwischen hin versetzt worden war, muss sich sein Können herum gesprochen haben. Als die französischen Besatzer kamen, verheizten sie die Springerle-Modeln des ortsansässigen Konditors. Der ließ sich später Ersatz anfertigen und zwar vom jungen Rieber.

Der hatte die Oberschule (heute: Gymnasium) bis Kriegsende besucht. Als Pfarrerssohn hatte er es schwer gehabt, hatte unter Mitschülern und Lehrer zu leiden. Mit dem Kriegsende 1945 sollte das für ihn ein Ende haben. Rieber weigerte sich, weiter, die Oberschule zu besuchen und fand eine Lehrstelle im Nachbardorf. Der Betrieb war eine Drechslerei, die Haushaltsgegenstände aus Holz produzierte. Fleischklopfer, Kartoffelstampfer, Wellhölzer, und Brettchen stellte der Betrieb in Handarbeit aus Holz her.

Auch Ölmalerei beherrschte der Holzbidhauer. Bild: Hüfner
Auch Ölmalerei beherrschte der Holzbidhauer. Bild: Hüfner

Annemarie Rieber weiß aus seinen Erzählungen, dass er da viel ausprobierte und sich Wissen aus einem Handbuch für Drechsler aneignete. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche, ging er nach Bielefeld, arbeitete im nahen Bethel mit Behinderten. „Das hat meinem Mann gefallen, mit Behinderten zusammen zu arbeiten“, sagt Annemarie Rieber.

Er selbst legt dort 1955 die Meisterprüfung als Drechsler ab, träumt von einer eigenen Werkstatt. Drei Jahre später lernt er dann bei einem Familienbesuch seine zukünftige Frau kennen. Drei Jahre später heiraten sie. Er versucht die Selbständigkeit, eröffnet einen Betrieb und kurze Zeit später bietet sich ihm eine Chance.

Sein Bruder, ebenfalls Drechsler, arbeitet in einer Firma in der Schweiz. Zürcher heißt sie und liegt nicht irgendwo, sondern in Rafz, gerade so hinter der Grenze. Der Bruder will die Stelle aufgeben, denn er will die französische Sprache erlernen.

Was liegt näher, als dem Firmenchef den Bruder zu empfehlen. Der nimmt die Stelle, fährt werktags von Lottstetten aus mit dem Motorrad nach Rafz zur Arbeit. Eines Morgens steht ein unbeleuchteter Schweizer Militärlastwagen auf der Straße, den er nicht erkennt, prallt dagegen, ruiniert sich sein Bein. Fast ein Jahr braucht es, bis er wieder hergestellt ist. Fortan muss er mit der Behinderung beim Gehen leben.

Es ist ein Wendepunkt, er wechselt die Arbeitstelle. In Jestetten bereitet er für den Stein- und Holzbildhauer Siegfried Fricker. „Dann hat er daheim angefangen zu Schnitzen“, erzählt Annemarie Rieber von jener Zeit. Eine Skulptur aus jener Zeit steht noch heute im Wohnzimmer der Familie in Jestetten. Es ist ein Mönch aus Taizé. Rieber hatte sich diesen Ort der Begegnung der Jugend in Frankreich angesehen. Das ökumenische Kloster war gerade dabei, sich als Wallfahrtsort für die europäische Jugend zu etablieren.

Der Taizé-Mönch. Bild: Hüfner
Der Taizé-Mönch. Bild: Hüfner

Fricker zeigt sich nicht richtig überzeugt von der kontemplativen Mönchsfigur, die Rieber ihm da präsentiert. Es ist eine Frage des persönlichen Stils, die hier aufgeworfen wird, die letztlich der Betrachter entscheiden muss. Rieber konzentriert sich auf die Meisterprüfung, besteht sie, verlässt den Betrieb nach acht Jahren, ohne dass ein böses Wort gefallen ist.

Das eigene Haus am Bahndamm in Jestetten steht, im Keller arbeitet er nun in der eigenen Holzwerkstatt. Zu dunkel und zu klein, stellt er bald fest. Gerade zehn Jahre steht das Haus, da wird mit einem Neubau auf dem angrenzenden Grundstück begonnen. Größer, heller und mit Verkaufsraum.

Ohne Kredit, ohne Verpflichtungen, stattet er die Werkstatt aus. Seine Frau zieht mit. Bilderrahmen sind ihr Metier. Da kommt ein Kunde, sieht sich die Muster an, fährt nach München, weil er sich dort eine größere Auswahl erhofft. Reumütig bekennt er danach im Verkaufsraum zum Sortiment, wie sie sich erinnert: „Sie haben die Schönsten ausgewählt.“

Zu den Kunden zählt die Lauffenmühle. Stoffmuster müssen für Messen gerahmt werden. Das Textilunternehmen aus Lauchringen wird zu einem wichtigen Kunden bei den Bilderrahmen, weil die Riebers den Stoff nicht nur aufziehen können, sondern auch das Passepartout liefern.

Längst schon ist Rieber in der Innung aktiv. Von 1979 an steht er für die Drechsler, 17 Jahre lang. Lehrgänge habe er organisiert, sie für Drechsler aus Norddeutschland und den damals fünf neuen Bundesländern geöffnet. Auch Italiener gehören seitdem zu den Teilnehmern, ebenso wie Schweizer. Selbst 2013 wird das noch bei der Fortsetzung erwähnt.

Die Geschäfte laufen, die Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn wohnt zu dieser Zeit im Stockwerk über der Werkstatt. Es gibt immer wieder Diskussionen. Frau Annemarie ist seine Gesprächspartnerin. Mit ihr unterhält er sich über seine Arbeit. Da kommt es vor, dass sie ihn stoppen muss. Wenigstens zwei, drei Stunden Schlaf will sie noch abbekommen. Die gelernte Erzieherin ist Teil seines künstlerischen Universums. Bei ihr findet er Antworten, wenn ihm das Holz Widerstand entgegen setzt.

1992 steht die Meisterprüfung von Sohn Eberhard an. Drei Jahre Ausbildung beim Vater liegen hinter ihm. Dazu kommen zwei Jahre an der Schule für Gestaltung in Zürich. Die Mutter erfährt in der Wohnung über der Werkstatt wenig von den Auseinandersetzungen, die dort statt finden. Noch heute wundert sie sich, wie ihr Mann die Trennung zwischen Geschäft und Privatleben schaffte. Wenn am gemeinsamen Mittagstisch Ruhe einkehrte.

Der Sohn und Nachfolger in Kinderjahren in einer Skulptur dargestellt. Bild: Hüfner
Der Sohn und Nachfolger in Kinderjahren in einer Skulptur dargestellt. Bild: Hüfner

Der Junior begibt sich auf Studienreise. Ein halbes Jahr Griechenland und Italien sind es, die er für sich hat. Dann arbeiten Rieber & Rieber miteinander. Jeder hat seine Aufgaben, bis der Vater erkrankt.

Am Mittagstisch wird gesprochen, der Sarg aus einem Katalog ausgewählt. Das Grabmal muss aus Holz sein. Gerhart Rieber fertigt eine Skizze an, bestimmt den Spruch, der darauf stehen soll.

Am 8. Juni 2005 endet Gerhart Riebers Leben. Die Werkstatt  hatte er hinter sich gelassen, sie nur noch selten aufgesucht. Eine Betriebsübergabe fand nicht statt. Jetzt sind seine Arbeiten da. Zurück geblieben und doch ein Hinweis auf Kommendes. Das fehlt keinem der Arbeiten von Rieber.

Advertisements