Blumen und Kerzen beim Bahnhof Grießen im Juli 2006. Damals war es ein Unfall, der zum Tod eines Menschen führte. Bild: Hüfner

Von Frank Berno Timm

Region Klettgau (fbt/red) Am Samstag wurde die Feier zur Zugtaufe in Neunkirch, Doppelspurausbau und Elektrifizierung von einem tragischen Ereignis überschattet.

Gegen 15.30 Uhr war Gerry Klaus, Mitarbeiter von Hierzuland.Info, vor Ort darauf angesprochen worden, dass schon seit fast einer Stunde keine Züge mehr verkehren würden. Später war zu erfahren, dass es zu einer Unterbrechung wegen Personenschadens gekommen sei. Hinter vorgehaltener Hand machte die Runde, dass ein Mensch durch Selbsttötung seinem Leben ein Ende gesetzt hatte.

Wer Grundsätzliches zum Thema von Deutscher Bahn (DB) und zuständiger Bundespolizei erfahren will, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Von Pietät gegenüber den Opfern, wiederholt auch vom Werther-Effekt, ist die Rede. Damit ist die Gefahr gemeint, dass es durch die Berichterstattung über Selbstmorde zu Nachahmungstaten kommt. Der Suizid des Fußballtorwarts Robert Enke wird nicht nur einmal als Beispiel genannt – danach muss es zu einem deutlichen Anstieg der Zahlen gekommen sein.

Diplom-Psychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS) des Hamburger Universitätskrankenhauses bekräftigt das. Werde etwa über einen Suizid an einem Bahnübergang berichtet, „kann man sich hinstellen und darauf warten, dass es wieder passiert“. Der Werther-Effekt sei gerade bei Suiziden an der Schiene belegt. Diese machen nach Fiedlers Angaben allerdings „weniger als zehn Prozent“ der Fälle aus.

Der Hamburger Experte vermeidet die Begriffe Freitod und Selbstmord – bei Suizid sei „von Freiheit nicht die Rede“, das Wort Selbstmord suggeriere Strafwürdigkeit. Fiedler macht darauf aufmerksam, dass nicht jeder Suizidversuch tödlich ende – die Betroffenen können nach seinen Worten nicht nur schwerste Verletzungen erleiden, sondern auch Pflegefälle werden. Immerhin: Seit fünf Jahren gehen die Suizidzahlen zurück. Und Fiedler weiß, dass nach entsprechenden Selbstverpflichtungen der Medien in Wien und München, auf Berichterstattung zu verzichten, die Suizide an dortigen Schienen (S- und U-Bahnen kommen noch hinzu) deutlich abgenommen hätten.

Auslöser für einen Versuch, sich zu töten könnte etwa die Wiederbelebung eines früheren Traumatisierungserlebnisses sein – Fiedler nennt die Trennung von einem Partner als Beispiel. Rund ein Drittel wiederhole „relativ bald“ einen Suizidversuch, jeder zehnte sterbe. Auf die Frage, ob Suizidgefährdung eine Krankheit sei, gebe es „keine eindeutige Antwort“. Sicher sei aber, dass Tiere keinen Suizid kennten, so Fiedler. Suizide träten bei allen psychischen Erkrankungen gehäuft auf, wiederum erkläre eine psychische Erkrankung oder Depression keinen Suizid. „Viele Menschen mit Suizidgedanken würden es weit von sich weisen, psychisch krank zu sein“, so der Psychologe, der Suizid als „krankheitswertig“ bezeichnet.

Thomas Lutter, Psychiater und Psychotherapeut, ist Suizidalitätsbeauftragter des mit rund 700 Betten großen Zentrums für Psychiatrie Emmendingen (ZPE). Wo viele Schwerkranke und „Gelegenheiten“ zum Suizid zusammenträfen, träten Suizide vermehrt auf, „das gilt in der ganzen Welt“. Im Fall Emmendingen gibt es nach Lutter aber eine gute Entwicklung: Seit die Lärmschutzwände an der Eisenbahnstrecke stünden, „haben sich die Zahlen deutlichst verringert, teilweise sogar halbiert“. Auch sonst gingen die Zahlen drastisch zurück, wenn so genannte „Hot-Spots“ befriedet würden.

Lutter setzt auf Suizidprävention und Suizidpostvention (Nachsorge) gleichermaßen. Mit seinen leitenden Arztkollegen bespricht Lutter regelmäßig Suizidfälle: „Dabei geht es nicht um die Frage von Schuld und Verantwortung“, erläutert Lutter, wichtig sei, durch die Untersuchung der Vorgeschichte und des eigentlichen Suizids dazuzulernen.

In Suizidkonferenzen nach einem ganz festen Schema bespricht Lutter überdies mit Kollegen-Teams, die von Suiziden betroffen sind, den jeweiligen Fall. Es sei sicher, dass durch die Weiterentwicklung der Arbeit Suizide verhindert würden: „Ohne diese Arbeit wäre die Rate viel höher“. Ergänzt wird das Konzept durch die Arbeit mit Angehörigen.

Lutter legt auf ein gutes Gesprächsnetzwerk für sich und seine Kollegen größten Wert, bietet Supervision an und nimmt auch selbst Gesprächsmöglichkeiten in Anspruch. Es sei wichtig, die profesionelle Empathie des eigenen Berufs durch einen sorgfältigen Umgang mit sich selbst zu ergänzen, betont der Psychotherapeut.

Nach Informationen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention kommen in Deutschland jährlich rund 10 000 Menschen bei Suiziden ums Leben. „Im Jahr 2007 waren es 7 009 Männer und 2 393 Frauen. Diese Zahlen sind deutlich höher als die der Verkehrstoten (2007: 5 011)“, heißt es auf der Website.

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