Ira Sattler im Gespräch mit Hierzuland.Info. Bild: Liz Brunner
Ira Sattler im Gespräch mit Hierzuland.Info. Bild: Liz Brunner

Jestetten (hüf) Am 22. September wählt Jestetten den Bürgermeister, der die nächsten acht Jahre die Geschicke der Gemeinde bestimmen soll.

Hierzuland.Info hat sich mit der bisherigen Amtsinhaberin getroffen und mit ihr gesprochen.

Frau Sattler, Sie sind seit bald acht Jahren Bürgermeisterin von Jestetten. Sie stammen aus Stühlingen. Sind Sie heute Stühlingerin oder Jestetterin?

Ich bin in Jestetten zu Hause. Drei Monate nach der Wahl bin ich umgezogen. Aber die Einheimischen sagen, Jestetter ist, wer hier geboren wurde und aufgewachsen ist.

Ich singe aber nach wie vor im Sängerbund Stühlingen. Schon im Klettgau-Gymnasium Tiengen war ich im Schulchor. Gerne singe ich Messen, mag aber quer durch die Literatur alles, denn ich liebe die Abwechslung.

Wie weit reicht der Schatten Ihres Amtsvorgängers Alfons Brohammer?

Herr Brohammer hat große Fußstapfen hinterlassen. Ich habe mir wohl überlegt, hier zu kandidieren. Ich kannte ihn, ich kannte die Gemeinde durch meine Tätigkeit im Landratsamt. Als Leiterin des Bauamts hatte ich mit sämtlichen Bürgermeistern zu tun. Brohammer war einer, wie ich mir einen Bürgermeister vorgestellt habe. Auch die Verwaltung war gut, das wusste ich. Zudem liegt Jestetten im östlichen Landkreis. Dort sind meine Wurzeln und ich bin dort aufgewachsen.

Es gibt Mentalitätsunterschiede. Im Osten sind die Menschen anders. Da wird viel gesprochen, aber man rennt nicht so schnell zum Rechtsanwalt. Das Zusammenleben ist persönlicher, das sagt mir mehr zu, weil ich das gewohnt bin.

Die Gemeinde war wohlbestellt. Planung, Infrastruktur, die waren aufgegleist.

Welche Erwartungen aus dem Wahlkampf vor acht Jahren haben Sie nicht erfüllt?

Wer ist schon perfekt? Mehr Betriebe ansiedeln, das konnte ich nicht umsetzen. Der grenzüberschreitende Gewerbepark, das ist eine gute Idee und die war richtig. Aber da sind halt die Grenzen des Möglichen und des Machbaren erreicht. Die deutsche Bundesregierung hat dieses Vorhaben ausgebremst.

Die Gemeinde kann Rahmenbedingungen setzen, aber bei der Standortentscheidung sind die Unternehmen gefragt. Für Unternehmer hier vor Ort ist das Leben mit der Grenze kein Problem. Jemand, der von weiter her kommt, sieht eher mehr bürokratischen Aufwand durch den Standort an einer EU-Außengrenze.

Der Arbeitsmarkt ist auch ein Problem. Ein Unternehmen hat hier Schwierigkeiten, Arbeitnehmer zu rekrutieren, weil wir aufgrund der Grenzlage einen beschränkten Einzugsbereich haben. Da kann man sich viel wünschen, aber da sind einem die Hände gebunden.

Bei Ansiedlungen hatte ich nicht nur an den Einzelhandel gedacht. In Altenburg, dort im neuen Gewerbegebiet, sind erfreulicherweise Betriebsansiedlungen gelungen. Das sind kleinere Dienstleister, Handwerker, aber leider kein produzierendes Gewerbe. Das hat sich nicht so erfüllt, wie ich das gehofft hatte. Wir konnten die örtliche Wirtschaftsstruktur nicht ausweiten.

Bild: Liz Brunner
Bild: Liz Brunner

Um das Thema Notarztversorgung ist es ruhig geworden. Ist die Versorgung im Augenblick für die Bevölkerung von Jestetten und Umgebung gesichert?

Im Moment ist die Notarztversorgung gesichert. Die Ärzte haben das von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends ohne Wochenende und Feiertage übernommen. Der Rest wird von der Luftrettung abgedeckt.

Schaffhausen konnte nicht klappen, weil das Ministerium die Zustimmung verweigert. Innenminister Reinhold Gall (SPD) hat gesagt, sie können nur einer gleichartigen Lösung zustimmen. Ein Notarzt müsste vor Ort kommen. Das Schweizer System funktioniert aber anders. Der Bereichsausschuss hat beschlossen, dass jetzt in Dettighofen ein hauptamtlicher Notarztstandort eingerichtet wird.

Es ist eine Verbesserung eingetreten, seit die Hausärzte wieder an Bord genommen wurden, das Problem ist die Nachtzeit und die Wochenenden.

In Dettighofen wird darüber gesprochen, sich verwaltungstechnisch einer anderen Gemeinde anzuschließen. Was denken Sie darüber?

Das ist eine Angelegenheit der Bürgerinnen und Bürger von Dettighofen.
Der Dettighofer Gemeinderat wird im Herbst entscheiden, ob der Bürgermeister wie bisher hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig sein soll.

Das Feuerwehrgerätehaus wurde um 50 Prozent teurer. Was geht einem da durch den Kopf, wenn man das erste Mal davon erfährt?

Das Feuerwehrgerätehaus wurde mit 1 931 863,35 Euro abgerechnet. Die Kostenberechnung wurde um rund 240 000 Euro überschritten.

Der Architekt hat zu optimistisch kalkuliert und es gab Probleme bei der Kostenverfolgung beziehungsweise der Kostenkontrolle. Wir müssen ein System installieren, dass wir Kostenmehrungen frühzeitig erkennen und die Kommunikation zwischen Architekt und Verwaltung muss verbessert werden. Das hat er ja im Gemeinderat gesagt. Wenn man es zwischendrinnen gemerkt hätte, wäre es aber auch weiter gebaut worden.

Die Regionalkonferenzen zum atomaren Endlager der Schweiz arbeiten seit 2011. In der Bevölkerung ist der Wunsch nach mehr Informationen seitens der Gemeinde da. Wie sehen Sie das?

Das ist eine nationale Aufgabe. Die Entscheidung wird nicht im Jestetter Rathaus getroffen.

Dass die Bürger zu schlecht informiert werden, das ist ein Punkt, den ich so nicht gelten lassen kann. Viele Bürger interessieren sich nicht dafür. Es gibt viel zu viele Informationen.

Ich habe im Mitteilungsblatt dazu aufgefordert, dass sich Bürger zur Teilnahme an der Regionalkonferenz melden.

Die meisten Leute sagen, „was soll ich da machen“. Es engagieren sich nur eine handvoll Leute und die anderen interessiert das nicht. Die Regionalkonferenz tagt öffentlich. Da wünsche ich mir schon, dass man sich selber kümmert.

Ich werde jetzt irgendwann im Gemeinderat berichten, aber ich kann da nicht alle drei Regionalkonferenzen zusammenfassen. Hochrhein Aktiv – die Veranstaltungen waren gut besucht. Da bin ich zufrieden mit meinen Bürgerinnen und Bürgern.

Ich finde, das Thema ist auch anspruchsvoll. Nach meiner Meinung ist der Prozess nach den Prinzipien der Logik nicht richtig aufgegleist. Zuerst müsste doch das Tiefenlager fest- gelegt sein, bevor man nach Standorten für Oberflächenanlagen sucht. Das Verfahren wurde von vornherein als Akzeptanzmanagement der Nagra und des BFE gesehen.

Man macht das, dann hat man wenigstens Zugang zu Informationen. Ich habe mir vorgenommen, ich gebe mal einen Bericht, wenn die Regionalkonferenzen die Standorte für Oberflächenanlagen festgelegt haben.

Bild: Liz Brunner
Bild: Liz Brunner

In Freiburg im Regierungspräsidium gab es im Frühsommer eine Anhörung zu Verkehrsprojekten in der Region. Dazu war auch die Bevölkerung eingeladen. Wie erfuhren die Jestetter davon, dass die geplante Umgehungsstraße dort behandelt wurde?

Es geht um die Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplans. Die Regierungspräsidien haben dazu Regionalkonferenzen eingeladen, Behörden, Verbände. Wenn jemand interessiert war, dann konnte er schon hingehen. Die Regierungspräsidien haben dann einen Entwurf erarbeitet.

Ich habe zwischenzeitlich schriftlich von der Regierungspräsidentin, dass die Ortsumgehung in den Entwurf aufgenommen wird.

Nach jetziger Einschätzung gehe ich davon aus, wir stehen drinnen. Das ist Voraussetzung dafür, dass Planungsrecht gegeben ist und die Möglichkeit für konkrete Planungen besteht. Ich bin der Überzeugung, dass wir eine Ortsumfahrung brauchen.

Von Vereinen ist die Klage zu hören, dass immer weniger Veranstaltungen gut besucht werden. Ist das ein Zeichen, für die zurück gehende Identifikation mit dem Ort?

Im Ergebnis ist das hausgemacht. Vereinsveranstaltungen verzeichnen landauf und landab einen Besucherrückgang. Ich weiß nicht, ob das an einem Überangebot liegt.

Jestetten hat eine kritische Größe. Wir sind nicht mehr dörflich, aber keine Kleinstadt. In Altenburg ist das noch anders.

Ich weiß nicht, wie man dem entgegen wirken kann. Es liegt auch an den Menschen. Es gibt immer mehr, die beteiligen sich nicht am gesellschaftlichen Leben.

Ich gehe da hin, und das sage ich nicht als Bürgermeisterin. Ich bin selbst im Sängerbund Stühlingen und ich besuche Vereinveranstaltungen aus persönlicher Überzeugung.

Mit dem Gemeinderat habe ich es besprochen, wie man an Neuzuzüger heran kommt. Einen Neujahrsempfang finde ich langweilig. Nach der Wahl überlege ich mir ein Konzept für einen Neubürgeranlass. Ich sehe darin eine Möglichkeit, dass Vereine mit Neubürgern ins Gespräch kommen können. Vielleicht können sie so wieder mehr Zulauf finden. Da möchte ich aktiv werden, auf jeden Fall.

Frau Sattler, wir bedanken uns für das Gespräch.

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