Lotti Herrmann eröffnet mit ihrer Rede den Dorfladen vor den Gästen. Bild: Hüfner
Lotti Herrmann eröffnet mit ihrer Rede den Dorfladen vor den Gästen. Bild: Hüfner

Altenburg (hüf) Es ist Samstag, der 29. Juni 2013! In Jestetten auf der Hauptstraße quälen sich die Autos von Ampel zu Ampel. Aus den Nebenstraßen versuchen die Fahrer, die kleinste Lücke zum Einfädeln ohne Rücksicht auf Verkehrsregeln zu nutzen.

Es kann nichts passieren, denn es herrscht Stop-and-go-Verkehr von der einen Ortstafel bis zur anderen. Auf der Bundesstraße B 27 geht es mit eidgenössischer Gemütlichkeit voran.

Ein erwartungsvolles Festzelt

In Altenburg herrschen vergleichsweise idyllische Verhältnisse. Erst beim Einbiegen in die Dorfstraße wird der Autoverkehr sichtbar, der dort in seiner ruhenden Form eher ungekannte Ausmaße in dem kleinen Ortsteil annimmt. Die Gehwege sind zugestellt, Absperrgitter schicken den motorisierten Verkehr durch Straßen, die Einheimische vielleicht benutzen, ansonsten aber vor sich hin schlummern. Stimmengeraune ist zu hören, vereinzelte Fußgänger gehen zielstrebig auf den abgesperrten Bereich zu.

Ein Thekenwagen steht quer über die Fahrbahn, am Rand des Platzes in der Ortsmitte ist eine überdachte Theke aufgebaut, hinter der ein mobiler Pizzaofen kräftig eingeheizt wird. Mitten auf der Straße steht ein Festzelt, in dem viele Menschen sitzen, Ganz viele, so dass noch Tische und Bänke herbei geschafft werden. Die Stehtische sind umlagert, unter dem überragenden Hausdach und im Eingang finden sich noch Stehplätze.

Um 11.30 geht es los

Es wird 11.15 Uhr. Die Türen des Dorfladens, der um 7.30 Uhr erstmals unter genossenschaftlicher Regie startete, öffnen und schließen sich fast im Sekundentakt. „Herzlich Willkommen“ steht auf einer Werbetafel, auf einer anderen das Eröffnungsangebot: Wasserweckle für 29 Cent, Bauernbrot für 1,49 Euro.

Die Stimmung ist gut. Gemeinderäte sitzen im Festzelt, Mitglieder der Genossenschaft schwirren aufgeregt durch die Menschenmasse. Um halb Zwölf kommt Lotti Herrmann mit einer Hand voll Zetteln ins überfüllte Zelt.

Jetzt geht es los! Die Altenburgerin, Gemeinderätin, Mitwirkende bei der Gründung der Genossenschaft, Aufsichtsrätin – sie muss erst einmal den Eindruck verdauen, dass aus den vielen Stunden Vorarbeit in diesem Moment etwas Gestalt angenommen hat. Schon lange stand der 29. Juni als Wunschtermin für die Eröffnung fest.

Das „Altenburger Bier“

Sie erzählt kurz davon, nennt Namen, listet auf, wer das Projekt im Vorfeld unterstützte. Applaus, Gemurmel und noch ein paar Worte aus dem Umfeld. Dann wartet schon der Sängerbund, dass er loslegen darf. Später wird noch der Musikverein spielen.

Aus dem Thekenwagen holt Bürgermeisterin Ira Sattler die ersten Bierkrüge ab, die sie den Besuchern im Zelt auf den Tisch stellt. Das ist der angekündigte Fassanstich. An den Stehtischen probieren derweil die Gäste das „Altenburger Bier“. Es stammt zwar nicht aus dem Ort, aber alleine das Etikett mit seinem Schriftzug verführt dazu, die Flasche als Erinnerung mit heim zu nehmen.

Im Laden selbst nimmt die Warteschlange vor der Kasse fast schon kritische Ausmaße an. Bis zur Rückwand des Geschäfts stehen die Kunden, verdecken die Sicht auf die Warenregale. Getrocknete Apfelringe, Illustrierten, frisches Gemüse – alles was über Tage hinweg sorgsam von den zumeist freiwilligen Helferinnen und Helfern eingeräumt wurde, wandert jetzt über den Tresen, wird sorgfältig in die Registrierkasse eingetippt. Den Kassenzettel versehen die Käufer mit ihrem Namen und legen ihn in eine Vase. Immer wieder wird die geleert, die Zettel ins Zelt gebracht und dort dann ausgelost. Wer hier aufgerufen ist, seinen Tombolagewinn abzuholen, ist aber nicht am Ziel. Aus einer Trommel muss er mit Zahlen beschriftete Kugeln ziehen. Erst jetzt steht fest, welchen Gewinn er mit nach Hause nehmen darf.

Harte Arbeit fördert Selbstbewusstsein

Währenddessen angeln im Laden Kinder nach eingepackten Geschenkpäckchen, ruhen sich Kunden in der Kaffeeecke aus. Ein Bankautomat zum Geld abheben soll noch kommen, verrät Robert Binkert und auch ein Kontoauszugsdrucker der Volksbank.

Eine Annahmestelle für den Paketversand ist in der Überlegung, dazu vielleicht noch Postwertzeichen. Sicher ist die Lottoannahmestelle, die „schon immer“ mit zum Geschäft gehörte.

Es sind Geschichten zu hören. So dass der dorfbekannte Bäcker trotz Ruhestand die Pizza bäckt. Dass die Ruhebänke vor dem Laden gestiftet wurden, ja dass irgendwie fast jeder aus dem Ort zumindest einen kleinen Beitrag geleistet hat.

Erfolgreiches Engagement für Lebensqualität

Es hat einen ganz gehörigen Schub Selbstbewusstsein für die Dorfgemeinschaft mit sich gebracht, dieses Engagement für den Erhalt der Einkaufsmöglichkeit im eigenen Ort. Das ist in vielen Gesprächen zu hören. Doch es schwingt ein wenig Besorgnis mit. Wird der Enthusiasmus weiter anhalten, werden die Altenburger künftig etwas mehr dort einkaufen?

Die frühere Ladeninhaberin musste wegen mangelndem Umsatz aufgeben. Der drohende Verlust von Lebensqualität, und das ist der jetzt mit viel Engagement gegründete Dorfladen um so mehr, wurde abgewendet. Der Zuspruch bei der Eröffnung zeigt jedenfalls, dass Tante Emma längst in Rente ist und ihre Enkel durchaus die Chance zu nutzen wissen.

Szenen vom Eröffnungsfest:

© alle Bilder: Manfred Hüfner

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